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Leitlinien zur Affirmativen Psychotherapie von Fiedler

Peter Fiedler veröffentlichte 2004  in  "Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung" (Beltz-Verlag) Leitlinien zur affirmativen Psychotherapie. Diese Leitlinien zielen darauf ab, die KlientInnen zu einem offenen Leben als Schwuler oder Lesbe zu begleiten. Dazu gehört nach Fiedler auch ein aktives Eintreten für die Rechte von Lesben und Schwulen.

  1. In der affirmativen Psychotherapie sollte die subjektive Realität der bisherigen Erfahrungen mit Akzeptanz oder Ablehnung der sexuellen Orientierung angesprochen werden, um Perspektiven für den zukünftigen Umgang damit zu entwickeln.
  2. Nicht-heterosexuelle Patienten sollten angeregt werden, die auch bei ihnen stereotypen Vorstellungen über Homosexualität zu identifizieren, um dann ungünstige Anteile dieser Stereotypien herauszufiltern und sie auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen.
  3. Negative soziale Erfahrungen wurden vielleicht über lange Zeit hinweg abgewehrt und damit zusammenhängender Ärger unterdrückt. Ständige Abwehr negativer Gefühle könnte depressive Verstimmungen bewirkt haben, einschließlich suizidaler Krisen. Patienten sollten angeleitet werden, berechtigte Ärger- und Wutgefühle konstruktiv auszudrücken, um sie in akzeptierbare Formen der Selbstmitteilung und Stellungnahme zu verändern - auch um auf diese Weise aus dem Hilflosigkeitserleben und aus depressiven Verstimmungen herauszukommen.
  4. Die Patienten sollten ermutigt werden, auf die Entwicklung eines Systems sozialer Unterstüzung  und wechselseitiger Wertschätzug hinzuarbeiten und Freundschaftsbeziehung aufzubauen und zu pflegen, die von gemeinsamen Interessen und Aktivitäten bestimmt werden. Diese Leitlinie ist für Betroffene von Bedeutung, die ihr Leben bisher isoliert und auf sich allein gestellt geführt haben.
  5. Die Patienten könnten eigene Werthaltungen und Einstellungen kritisch überprüfen, auf die sie ihre bisherige nicht-heterosexuelle Orientierung aufgebaut haben. Therapeuten sollten sich nicht scheuen, auf Gefahren zu verweisen, die sich mit ungünstigen gesellschaftlich und religiös vertretenen Wertvorstellungen verbinden. 
  6. Die therapeutische Besprechung und Desensibilisierung von Scham- und Schuldgefühlen, die sich mit der sexuellen Orientierung verbinden, stellen besondere Möglichkeiten bereit, auf dem Weg zu klaren eigenen Wertvorstellungen voranzukommen.
  7. Schließlich wird es sinvoll, gelegentlich notwendig sein, Einstellungen und Gefühle anzusprechen, die Patienten mit HIV, AIDS und safer Sex-Kampagnen verbinden. Affirmative Psychotherapie ist genau jener Ort, an dem diese Themen ausdrücklich zur Sprache gebracht werden. Dies sollte schon deshalb geschehen, weil insbesondere der Prozess des Coming-out  mit besonderen Risiken ungeschützten Geschlechtsverkehrs verbunden ist.
    Anmerkung des VLSP: In Leitlinie 7 bezieht sich Fiedler nach Auffassung des VLSP auf schwule Klienten. Die Forderung ist in Therapien mit lesbischen Klientinnen nicht in einem hervorgehobenen Maß zu berücksichtigen.
  8. Sollten Schwule, Lesben und Bisexuelle ihre Orientierung verheimlichen, könnte dies als Zugeständnis  an die gesellschaftliche Drucksituation  aufgefasst werden, nach der es offensichtlich opportun erscheint, seine sexuelle Orientierung zu verheimlichen. Spätestens gegen Ende einer affirmativen Psychotherapie sollte dieser Mythos der für Heterosexuelle nämlich nicht gilt, symbolisch zu Grabe getragen werden. 
    Anmerkung VLSP: Der VLSP vertritt die Auffassung, dass dieses Ziel zwar in vielen Fällen aber nicht in allen anzustreben ist. Vielmehr sind die Therapieziele in jedem Einzelfall neu zu erfragen und festzulegen. Sie können z.B. auch darin bestehen, in einem homosexuellenfeindlichen Umfeld möglichst gut (über-)leben zu können.

Quellenhinweis

Frank, U. G. (2006). Entwicklung von Leitlinien für die Psychotherapie von Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 38, 613-623.

Letzte Akualisierung: 03.04.2010