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Identität und Coming-out

Entwicklungsprozesse homosexueller Identitäten

Übersichtsartikel

Autorin: Dr. phil. Gisela Wolf

Zusammenfassung

Was bedeutet es, irgendwann zu entdecken, dass man/frau sich in einen Menschen vom gleichen Geschlecht verliebt hat? Was bedeutet es in dieser Gesellschaft, die Gefühle zu benennen und daraus eine Identität als lesbische Frau, schwuler Mann, bisexuelle oder queere Person zu entwickeln?

Ein „Coming-out“ stellt ein relativ modernes Phänomen dar. Das Wort „Coming-out“ im Sinne einer Veröffentlichung der eigenen lesbischen (bzw. schwulen) Identität gibt es erst seit Ende der 1960er Jahre (Skinner 1997). Der Begriff entstand im Kontext der us-amerikanischen lesbisch-schwulen-transidenten BürgerInnenrechtsbewegung. Zwar gab es auch schon weit vorher frauenliebende Frauen und männerliebende Männer. Das „Coming-out“ als begrifflich gefasstes politisches Handeln entwickelte seine aktuelle Bedeutung in Deutschland jedoch erst im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Reformprozessen in den letzten 40 Jahren: der Zweiten Frauenbewegung, den lesbisch-schwulen Bewegungen und der Studierenden-Bewegung.

Beim Coming-out handelt es sich um einen andauernden Entwicklungsprozess, in dem frauenliebende Frauen und männerliebende Männer immer wieder Entscheidungen für oder gegen ein Offenlegen oder Verstecken ihrer soziosexuellen Identität treffen. Prinzipiell können Coming-out-Prozesse in jedem Lebensalter stattfinden. Für viele Menschen liegt der Zeitraum ihres Coming-outs jedoch im Jugend- und jungem Erwachsenenalter.

Im sogenannten „inneren“ Coming-out-Prozess sind frauenliebende Frauen und männerliebende Männer zunächst einmal auf sich allein gestellt und versuchen, ihre Gefühle zu verstehen. Sie wägen ab, wem sie wann von ihren Gefühlen berichten können, weil sie wissen, dass lesbische und schwule Lebensweisen in dieser Gesellschaft auf Abwehr treffen können. Im „äußeren“ Coming-out teilen Lesben, Schwule, Bisexuelle und queere Menschen dann anderen ihren Lebensentwurf mit. Ein Coming-out-Prozess kann durch unterstützende Informationen, durch respektvolle ZuhörerInnen und BegleiterInnen oder durch kompetente Beratungsangebote erleichtert werden. Erschwert wird ein Coming-out durch Drohungen und Erfahrungen mit Diskriminierungen und Gewalt. Coming-out-Prozesse stehen immer in Wechselwirkung mit anderen Lebensaufgaben und Lebenswegen. Manchmal machen andere Aufgaben oder Erfahrungen ein Coming-out so schwer, dass die Kraft dafür nicht mehr reicht. Viele Entwicklungswege, die die Eigenständigkeit befördern (z.B. eigene Wohnung, finanzielle Unabhängigkeit, innere Autonomie, Selbstbewusstsein, eine akzeptierende Haltung den eigenen Gefühlen gegenüber) und der Aufbau eines selbstgewählten Netzes von FreundInnen können den Rückhalt schaffen, den ein Mensch im Coming-out braucht.

Mit ihren Coming-out-Geschichten stemmen sich Lesben, Schwulen, Bisexuelle und queere Menschen gegen dominante heterosexuelle Diskurse. Sie rütteln an Vorstellungen über „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, an patriarchal begründeten Herrschaftsstrukturen und sähen Zweifel bezüglich der „Natürlichkeit“ heterosexistisch basierter Privilegierungen. Die Betrachtung des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem Coming-out-Prozesse stattfinden, ermöglicht es, zu verstehen, warum ein Coming-out für viele Menschen so bedeutsam und oft mit vielen wichtigen Lebensveränderungen verbunden ist.

Letzte Akualisierung: 13.01.2016