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Sexuelle Orientierung und Coming-out bei Jugendlichen

Text nach APA, übersetzt und überarbeitet von Uta Krüger und Dr. phil. Gisela Wolf (vgl. Quellenhinweis)

Die Adoleszenz stellt eine biografische Phase dar, in der sich die jungen Menschen von ihren Eltern, Erziehungspersonen und Herkunftsfamilien ablösen und ihre Autonomie entwickeln. Die Adoleszenz kann auch einen Zeitraum umfassen, in dem Jugendliche mit verschiedenen Identitäten und Erfahrungen experimentieren. Manche Jugendlichen hinterfragen in dieser Zeit auch ihre sexuellen Gefühle. Die eigenen sexuellen Gefühle wahrzunehmen, stellt eine wichtige Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz dar. Viele Jugendliche haben dabei auch gleichgeschlechtliche sexuelle Gefühle, auf die dann manche von ihnen mit Beunruhigung oder Verwirrung hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung reagieren. Diese Beunruhigung oder Verwirrung nimmt in der Regel im Verlauf der Zeit ab, wenn die Jugendlichen ihre sexuelle Orientierung weiterentwickeln.

Manche Jugendliche wünschen sich oder praktizieren auch Sexualität mit gleichgeschlechtlichen Partner_innen, aber identifizieren sich nicht als Lesben, Schwule oder Bisexuelle, weil sie befürchten, sich damit der gesellschaftlichen Stigmatisierung auszusetzen. Andere Jugendliche erleben lang andauernde Gefühle gleichgeschlechtlicher Attraktion, leben diese Gefühle aber aus Angst vor Stigmatisierung nicht sexuell, sondern praktizieren heterosexuelles oder asexuelles Verhalten. So spüren diese Jugendlichen zwar über lange Jahre ihre homo- oder bisexuelle Orientierung, ohne diese mit einem Partner oder einer Partnerin auch sexuell zu leben und auch ohne mit anderen darüber zu sprechen.

Für manche Jugendlichen führt die Auseinandersetzung mit vorhandenen Gefühle des Hingezogen-Seins zum gleichen Geschlecht zu einer lesbischen, schwulen oder bisexuellen Identität. Für einige Jugendliche bedeutet die Erkenntnis der sexuellen Orientierung eine große Erleichterung nach der schwierigen Zeit der inneren Zweifel. Wenn sie von ihren Eltern und anderen Bezugspersonen unterstützt werden, ist es ihnen oft möglich, ein befriedigendes und gesundes Leben zu führen und die Entwicklungsschritte der Pubertät zu bewältigen. Je jünger ein Mensch ist, die oder der für sich erkennt, dass sie oder er eine nicht-heterosexuelle Identität hat, umso weniger interne und externe Ressourcen stehen ihr oder ihm zur Verfügung. Daher brauchen Jugendliche, die sich früh outen besondere Unterstützung von ihren Eltern und anderen Bezugspersonen.

Jugendliche, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell outen, können sich einigen Problemen gegenüber sehen, wie z.B. Gewalt, Schikanen und Mobbing in der Schule. Es besteht ein Zusammenhang zwischen solchen negativen Erfahrungen und negativen Folgen, wie suizidalen Gedanken oder auch Aktivitäten mit einem hohen Risiko, wie ungeschützten Sexualpraktiken und Alkohol- und Drogenmissbrauch. Andererseits scheinen viele lesbischen, schwule und bisexuelle Jugendliche kein größeres Risiko zu haben, körperliche oder seelische Krankheiten zu entwickeln. Wenn Probleme auftreten, sind sie eng verbunden mit den Erfahrungen von Vorurteilen und Diskriminierung im Umfeld der Jugendlichen. Unterstützung durch wichtige Menschen im Leben der Jugendlichen ist ein sehr hilfreicher Gegenpol zu diesen Belastungen.

Unterstützung in der Familie, in der Schule und in der weiteren Gesellschaft hilft Risiken zu vermindern und eine gesunde Entwicklung zu fördern. Jugendliche brauchen Fürsorge und Unterstützung sowie die Ermutigung, sich mit Gleichaltrigen aktiv auseinanderzusetzen. Lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche, die sich trotz Belastungen wohl fühlen, scheinen – ebenso wie andere Jugendliche, die Belastungen kompetent begegnen - diejenigen zu sein, die sozial kompetent sind, gute Problemlösestrategien haben, ein Gefühl von Autonomie und Sinn haben und zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Eine Besonderheit sind Jugendliche, denen eine lesbische, schwule oder bisexuelle Identität nachgesagt wird, weil sie in keine der traditionellen Geschlechterrollen zu passen scheinen (z.B. bezogen auf die kulturellen Ansichten darüber, was üblicherweise als „männliches“ oder „weibliches“ Verhalten und Aussehen definiert wird). Unabhängig davon ob sich diese Jugendlichen selbst als hetero- oder homosexuell identifizieren, erleben sie Vorurteile und Diskriminierung basierend auf der Annahme, sie seien lesbisch, schwul oder bisexuell. Die beste Unterstützung für alle Jugendlichen ist ein schulisches und soziales Umfeld, das keine verbale oder tätliche Diskriminierung duldet.

In welchem Alter sollen sich lesbische, schwule oder bisexuelle Jugendliche outen?

Auf diese Frage gibt es keine einfache oder einzig richtige Antwort. Die Risiken und der Nutzen der Veröffentlichung der eigenen sexuellen Orientierung unterscheiden sich je nach dem Umfeld der Jugendlichen. Manche Jugendlichen leben in einem familiärem Umfeld, das sie in ihrer sexuellen Identität klar und deutlich unterstützt; für diese Jugendlichen überwiegt eher der Nutzen als die Risiken, selbst wenn sie sich in einem sehr jungen Alter outen. Jugendliche, die in weniger aufgeschlossenen Familien leben, haben ein höheres Risiko, wenn sie sich outen. Alle Jugendlichen, die sich outen, gehen das Risiko ein Vorurteile, Diskriminierung oder sogar Gewalt in der Schule, ihrem sozialen Umfeld, am Arbeitsplatz und in Glaubensgemeinschaften zu erleben. Andererseits ermöglicht erst die Offenheit im Bezug auf die sexuelle Orientierung Unterstützung durch die Familie, Freund_innen und Bezugspersonen in der Schule, sowie Anschluss an bzw. Kontakt zu wichtigen lesbischen und schwulen Vorbildern und Peers.

Letzte Akualisierung: 29.04.2014