Psychotherapie und Beratung von Lesben und Schwulen
In der Psychologie wurden bereits mehrfach Therapieleitlinien formuliert, die darauf abzielen, jegliche Form von „Homonegativität“ (auch „Heterosexismus“ genannt) im Therapieprozess zu vermeiden. Therapieleitlinien zeigen auf, wie homosexuellen (ebenso wie bisexuellen und transidenten) KlientInnen psychotherapeutisch zu begegnen ist, unabhängig davon, ob ihre Homosexualität selbst zu einem wesentlichen Gegenstand in der Therapie wird oder nicht.
Auf dieser Seite stellen wir drei verschiedene Leitlinien vor: Leitlinien von Davies (1996), Leitlinien der American Psychological Association (APA, 2000) und Leitlinien von Fiedler (2004). Sie haben die zwei folgenden wesentlichen Gemeinsamkeiten: zum einen erkennen sie an, dass Homosexualität ein überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal ist, das nicht willentlich verändert werden kann. Zum anderen fordern sie, Lesben und Schwulen wertschätzend zu begegnen. Da Wertschätzung eine zentrale Rolle spielt, und um sie von anderen Behandlungsmethoden abzugrenzen, werden diese Therapieansätze als „(gay) affirmative“ Psychotherapie bezeichnet.
Weil die sexuelle Orientierung als Teil der Persönlichkeit angesehen wird, umfasst die Wertschätzung ausdrücklich auch die Homosexualität einer Klientin/eines Klienten. Es ist nicht möglich die Wertschätzung „aufzuteilen“ – weder zwischen der Person und ihrer Homosexualität, noch zwischen der homosexuellen „Neigung“ und dem Ausleben der Homosexualität. Davies (1996) nennt folgende Bereiche, auf die sich die Wertschätzung (respect) erstreckt:
- Wertschätzung der sexuellen Orientierung der KlientInnen
- Wertschätzung ihrer persönlichen Integrität
- Wertschätzung ihres Lebensstils und ihrer Kultur
- wertschätzende Einstellungen der Therapeutin/des Therapeuten Lesben und Schwulen gegenüber
Um Homonegativität zu vermeiden und die Leitlinien erfolgreich umsetzen zu können, ist es deshalb für PsychotherapeutInnen erforderlich, sich mit der eigenen internalisierten Homonegativität auseinanderzusetzen. Darüber hinaus ist es für eine effektive Psychotherapie wichtig, über die besonderen Lebenszusammenhänge und Lebensstile von Schwulen und Lesben bereits Bescheid zu wissen und sich nicht von den betroffenen KlientInnen erst über diese Besonderheiten aufklären zu lassen und damit wertvolle Therapiezeit zu verbrauchen (Brown, 2006, bezeichnet diese Anforderung als kulturelle Kompetenz).
Kurz gesagt: Die Leitlinien zu kennen ist – neben einer fundierten Therapieausbildung – ein Baustein für PsychotherapeutInnen, um Lesben und Schwule erfolgreich psychotherapeutisch behandeln zu können. Dazu kommen muss die Auseinandersetzung mit den eigenen Einstellungen Homosexuellen gegenüber und der Erwerb von kultureller Kompetenz in Bezug auf das homosexuelle Klientel.
In diesem Zusammenhang sind uns folgende Hinweise wichtig:
- Der VLSP erachtet es für dringend erforderlich, im Rahmen von Therapie- und Beratungsausbildungen die Besonderheiten homosexueller Lebensweisen und den Ansatz der affirmativen Psychotherapie zu thematisieren (vgl. Thesenpapier von Hammelstein, 2010). Wir unterstützen Ausbildungsinstitute die sich dieses Themas annehmen wollen gerne, z.B. mit Fachvorträgen. Kontaktieren Sie uns!
- Immer wieder melden sich Ratsuchende bei uns und berichten davon, in einer Psychotherapie keine Wertschätzung als Lesbe oder Schwuler erfahren zu haben, mit unterschiedlichen negativen Konsequenzen. Aus diesem Grund sehen wir es als wichtige Aufgabe an, auch KlientInnen darüber zu informieren, wie eine kunstgerechte Psychotherapie aussieht (z.B. auf unserem Webseiten-Bereich Beratung & Therapie).
- In Deutschland ist im Gegensatz zu den USA bisher keine Therapieleitlinie zum Umgang mit lesbischen und schwulen KlientInnen verbindlich festgeschriebenen worden. Deshalb ist nicht gewährleistet, dass Ratsuchende kunstgerecht behandelt werden (vgl. Punkt 2). Der VLSP erachtet es deshalb für dringend erforderlich, sich auch in Deutschland verbindlich auf affirmative Therapieleitlinien festzulegen. Bis dies geschehen ist, empfehlen wir die Orientierung an den Leitlinien-Konzepten von Davies (1996), der American Psychological Association (APA, 2000) und von Fiedler (2004). Für eine weitergehende Auseinandersetzung mit Leitlinien einer gay affirmative Therapie empfehlen wir Frank (2006).
Literaturhinweise
Brown, L. S. (2006). The neglect of lesbian, gay, bisexual, and transgendered clients. In J. C. Norcross, L. E. Beutler & R. F. Levant (Hrsg.), Evidence-based practices in mental health (S. 346-353). Washington, DC: American Psychological Association.
Committee on Lesbian, Gay, and Bisexual Concerns (CLGBC). (2000). Guidelines for psychotherapy with lesbian, gay, and bisexual clients. American Psychologist, 55, 1440-1451.
Davies, D. (1996). Towards a model of gay affirmative therapy. In D. Davies & C. Neal (Hrsg.), Pink therapy. A guide for counsellors and therapists working with lesbian, gay and bisexual clients (S. 24-40). Buckingham/Philadelphia: Open University Press.
Fiedler, P. (2004). Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung. Weinheim: Beltz.
Frank, U. G. (2006). Entwicklung von Leitlinien für die Psychotherapie von Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 38, 613-623.
Haldeman, D. C. (2004). When sexual and religious orientation collide: Considerations in working with conflicted same-sex attracted male clients. Counseling Psychologist, 32, 691-715.
Hammelstein, P. (2010, April). Ist eine Fortbildung in „Affirmativer Psychotherapie mit schwulen, lesbischen und bisexuellen Klienten“ notwendig im Rahmen der Therapieausbildung? Verfügbar unter http://www.vlsp.de/node/194


