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Wozu Beratung oder Therapie für Lesben und Schwule?

Autor_innen: Dr. phil. Ulli Biechele, Dipl.-Psych. Margret Göth, Dipl.-Psych. Thomas Heinrich und Dipl.-Psych. Andrea Lang

Schwule und Lesben sind nicht kränker und nicht gesünder als der Rest der Bevölkerung. Deshalb gilt auch für sie: In bestimmten Situationen und Belastungen kann eine Beratung oder Therapie hilfreich sein.

Hinzu kommen für Schwule und Lesben die Belastungen, die auf dem Leben als Minderheit entstehen können. Diese sind nicht für alle gleich herausfordernd und die Lebenssituation kann auch Vorteile mit sich bringen: wenn Lesben und Schwule sich z.B. leichter aus (spieß)bürgerlichen Lebensmodellen lösen und ganz persönliche Lebensformen entwickeln. Belastungen können in folgenden Situationen entstehen: In der Jugendzeit gibt es meist weit und breit niemanden, um sich glücklich zu verlieben. Niemand hilft dabei, mit den verwirrenden Gefühlen zum eigenen Geschlecht klar zu kommen. Häufig belasten auch die Mütter und Väter ihre nicht-heterosexuellen Kinder mit ihren Ängsten vor Nachbarn und anderen Familienangehörigen.

Aber auch an Erwachsene stellt das Coming-Out und das Leben als Schwuler bzw. Lesbe immer neue Herausforderungen: Oute ich mich bei der Arbeit? Warum komme ich mit der Szene nicht zurecht? Wie kann ich eine glückliche Liebesbeziehung führen? Wie komme ich zu mehr Selbstbewusstsein? usw. In der Szene gilt es als ’uncool’, solche Probleme zu haben, man kommt besser an, wenn man attraktiv und gut drauf ist. Es kann daher Überwindung kosten, die Fragen und Sorgen mit jemandem zu besprechen.

Eine weitere Hürde im Blick auf Beratung und Therapie kann sich daraus ergeben, dass viele Lesben und Schwule den „Psycho-Fachleuten“ ziemlich reserviert gegenüber stehen – und das mit gutem Grund. Es ist noch nicht so lange her (bis in die siebziger Jahre hinein), dass schwule Männer mit Stromstößen darauf dressiert wurden, Bilder von nackten Männern nicht mehr attraktiv zu finden. Das ist vorbei, und seit Anfang der neunziger Jahre gilt in Europa Homosexualität nicht mehr als psychische Störung.

Allerdings lernen die meisten, die heute einen Gesundheitsberuf studieren, in ihrer Ausbildung nichts über Homosexualität, über schwule und lesbische Lebensweisen. Es kann also durchaus passieren, dass man „Fachpersonal“ begegnet, das keinerlei Erfahrung mit dem Thema hat, dessen Einstellungen weniger von Wissen als von Vorurteilen geprägt sind.

Letzte Akualisierung: 18.02.2016