Die Haltung der Therapieschulen zum Thema "Homosexualität"

Die einzige Therapieschule, die sich ausdrücklich mit dem Thema Schwul- bzw. Lesbisch-Sein auseinandergesetzt hat, ist die Psychoanalyse. Ihr Begründer Sigmund Freud erachtete Homo- und Heterosexualität als gleichwertig und gleich würdig. Seine NachfolgerInnen prägten jedoch später das Bild von der Krankhaftigkeit, das dem Schwul- bzw. Lesbisch-Sein seither anhängt. So wurde männliche Homosexualität häufig mit einer dominanten Mutter und einem schwachen Vater erklärt. Bis vor wenigen Jahren weigerten sich alle psychoanalytischen Ausbildungsinstitute, offen homosexuelle KandidatInnen auszubilden. Aus diesem Grund gab es bis vor wenigen Jahren so gut wie keine offen schwulen oder lesbischen PsychoanalytikerInnen. In der neuesten Zeit hat sich das jedoch geändert, und auch mehr und mehr heterosexuelle PsychoanalytikerInnen begegnen ihren lesbischen Klientinnen und schwulen Klienten mit großem Respekt und fundierter Kenntnis. Entsprechendes gilt auch für die tiefenpsychologisch orientierten Verfahren.

Alle anderen Therapieschulen haben sich auf der theoretischen Ebene nicht oder nur sehr am Rande mit dem Thema Homosexualität beschäftigt. Praktizierende Therapeutinnen und Therapeuten haben sich daher in der Vergangenheit häufig an der herrschenden gesellschaftlichen Meinung orientiert. Solange Homosexualität als „abartig“ galt, wurden auch Behandlungsformen angeboten, um sie zu „heilen“, d.h. auszutreiben. Besonders die VT hat sich hier mit den bereits erwähnten „Trainings“ hervorgetan, bei denen schwule Männer durch Stromstöße „verlernen“ sollten, Bilder von nackten Männern geil zu finden.

Systemische Therapie und Beratung sind zum großen Teil aus der Familientherapie entstanden. Daher halten traditionelle Formen eher am heterosexuellen Familienbild fest. Neuere Formen haben dieses Bild jedoch überwunden und arbeiten wertfrei mit allen Personen, Paaren und Gruppen.

Bei den humanistisch geprägten Therapien (Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie), aber auch bei den anderen Formen, besteht die Gefahr, unter dem Motto „ich bin o.k., du bist o.k.“ zu übersehen, dass Lesben und Schwule nicht nur individuell bedingte Probleme haben, sondern auch solche, die ihnen die Gesellschaft schafft. Wenn alles, was im Leben schwierig ist, auf einen selbst bezogen wird, und nie auf die Situation als Angehörige/r einer Minderheit, kann einem unter Umständen bald die Lust ausgehen, das immer wieder zu erklären.

Jede Psychotherapieschule stellt heute in Theorie und Praxis das Wohlergehen der Ratsuchenden in den Mittelpunkt, und zwar entsprechend Ihren eigenen Maßstäben. Das darf über eines nicht hinwegtäuschen: Keine Schule hat sich jemals darum gekümmert, ob Lesben und Schwule dafür besondere Maßstäbe brauchen. Alles was es an Theorie hierzu gibt, haben lesbische Psychotherapeutinnen und schwule Psychotherapeuten selbst geschrieben, weil sie merkten, dass etwas fehlt.

Letzte Akualisierung: 29.05.2009