Wie ein erstes Gespräch laufen kann

Autor_innen: Dr. phil. Ulli Biechele, Dipl.-Psych. Margret Göth, Dipl.-Psych. Thomas Heinrich und Dipl.-Psych. Andrea Lang

Ein Beispiel aus einer Beratung ...

Um fünfzehn Uhr hat Peter den Termin in der Schwulenberatung. Er ist schon ein paar Minuten früher da, damit er sich die Umgebung anschauen kann, damit er seine Gedanken noch mal sammeln kann. Ein wenig nervös ist er schon. Wird er gleich die richtigen Worte finden? Was ist, wenn er den Berater aus der Szene kennt? Wenn er sogar schon mal auf der Klappe was mit ihm gehabt hat?

Dann geht die Tür auf. Gott sei dank, er hat ihn noch nie gesehen. Er sieht freundlich aus, eigentlich hat er sich einen Psychologen gar nicht so locker vorgestellt. Peter darf sich einen Platz aussuchen. Der Psychologe stellt sich kurz vor und lässt Peter entscheiden, ob er lieber beim ‚Sie’ bleiben oder zum ‚Du’ übergehen möchte. Erst mal ‚Sie’, entscheidet Peter, damit fühlt er sich sicherer.

Die Nervosität lässt schon nach. Peter fühlt sich wohl in dem Zimmer, mit dem Berater. Der erkundigt sich erst mal, ob er gut hergefunden hat. Dann fragt er, ob Peter erst mal selbst erzählen möchte, oder ob es ihm lieber ist, wenn er ein paar Fragen stellt. Peter überlegt kurz. Eigentlich weiß er, was er erzählen will. Er erzählt, wie die Trennung von Hubert vor über einem Jahr war, und dass er seitdem nicht mehr richtig auf den Boden gekommen ist. Von seinen Schlafstörungen, den Alpträumen, der inneren Leere, die er mit Arbeit, mit Sex, mit Alkohol auch nicht wirklich ausfüllen kann. Und das Schlimmste: dass dieser Hubert einfach fort ist und ihm sein Herz rausgerissen hat. Das kann Peter einfach nicht fassen. Warum kann er nicht endlich drüber wegkommen?

Peter muss weinen. Aber komisch: sonst schämt er sich immer, wenn ihm die Tränen kommen. Hier hat er das Gefühl, dass das vollkommen in Ordnung ist. Und überhaupt: er hat sich eigentlich gedacht, dass ein Gespräch mit den Psychologen wie ein Verhör ist: wo man viele peinliche Dinge erzählen muss, über die man sich furchtbar schämt. Aber es ist ganz anders: wenn der Berater Fragen stellt, fühlt sich Peter überhaupt nicht bloßgestellt. Im Gegenteil, er merkt, dass der Berater sich gut in ihn einfühlen kann und nachfragt, um ihn noch besser zu verstehen.

Im Nu ist eine halbe Stunde vergangen. Der Berater fragt Peter noch ein paar Sachen über sein Leben. Wie das in anderen Beziehungen war, wie er damals sein Coming-out erlebt hat, was er für Leute hat, die ihm in der Not helfen, ob er Medikamente wegen der Schlafstörungen nimmt. Dann fragt er Peter, was er denn in einer Beratung erreichen möchte.

Endlich wieder richtig schlafen können! Und vor allem: sich wieder als Herr im eigenen Haus fühlen. Ob ihm der Berater da helfen kann?

Der sagt, das wird sicher nicht von heute auf morgen gehen. Aber er kann ein Angebot machen, über diese Dinge weiter zu sprechen, damit sie gemeinsam auf die Spur kommen, an welcher Stelle Peter ansetzen kann, damit er wieder mehr Lebenskraft gewinnt. Und tatsächlich, da ist was dran, merkt Peter. Allein dadurch, dass er das alles erzählt hat und dass es freundlich aufgenommen wurde, fühlt er sich schon weniger hilflos als vorher.

Sie beschließen, dass sie zusammen fünf Sitzungen machen. Dann werden sie gemeinsam entscheiden, ob und wie die Gespräche danach fortgesetzt werden. Falls sich dann herausstellt, dass eine andere Stelle Peter noch besser helfen könne als er, meint der Berater, dann kann er ihm auch bei der Vermittlung behilflich sein.

Der Berater erzählt dann noch, dass er auch in der schwulen Szene verkehrt, und dass es ja sein könne, dass man sich irgendwo mal begegnet. Ob es o.k. wäre, dass er ihn dann kurz mit den Augen begrüßt, aber weiter nichts mit ihm redet? Das ist o.k. für Peter, und er ist froh, dass der Berater das angesprochen hat. Und vor allem, sagt der Berater, steht er unter Schweigepflicht. Darauf könne sich Peter verlassen.

Wie ist das aber, kommt Peter in den Sinn, und er fragt es auch: was macht der Berater, wenn er jetzt von Peter mal was erfährt, was ihn persönlich berührt, was fängt er dann damit an? Peter ist ziemlich erstaunt, dass er sich so was zu fragen traut. Gute Frage, sagt der Berater. Im Team von der Beratungsstelle machen sie regelmäßig Supervision. Da kommt ein Fachmann von außerhalb und alle im Team berichten in anonymisierter Form über ihre Arbeit. Und wenn einer im Team schwierige Gefühle hat, dann wird das gemeinsam besprochen und gelöst. Gewissermaßen als Qualitätskontrolle, sagt er.

Das leuchtet Peter ein. Die Sitzung ist zu Ende. Als er den Raum verlässt, fühlt er sich deutlich erleichtert. Der erste Schritt ist gemacht!

Und wie läuft ein psychotherapeutisches Erstgespräch?

Das Beispiel aus der Beratung kann man auch auf ein psychotherapeutisches Erstgespräch übertragen, das wird ganz ähnlich ablaufen. Wenn die Krankenkasse die Therapie finanziert, werden in der Regel fünf Probesitzungen vereinbart, sog. probatorische Sitzungen. Was in der Praxis anders ablaufen kann (diesmal in der weiblichen Variante):

  • Man weiß nicht, ob die Therapeutin lesbisch ist. Es ist Ihr Recht, sie danach zu fragen.
  • Sie ist hetera. Es ist Ihr Recht, sie nach ihren persönlichen und beruflichen Erfahrungen mit Lesben zu fragen.
  • Sie kennen ihre Ausbildung nicht. Es ist Ihr Recht, sie danach zu fragen, und danach, ob sie in der Ausbildung etwas über Homosexualität gelernt hat.
  • Sie ist lesbisch. Es kann sein, dass sie nicht anspricht, was wäre, wenn sie sich mal in der Szene oder auf einem Fest begegnen. Es ist Ihr Recht, sie zu fragen, wie Sie damit umgehen können.

Bedenken Sie: ein Erstgespräch ist kein Verhör – weder für die eine noch für die andere Seite. Es kommt vielmehr darauf an, dass eine Vertrauensgrundlage entsteht, in der es möglich wird, alles anzusprechen und zu fragen, was wichtig ist.

Letzte Akualisierung: 26.05.2014